Ambulante Hospizbegleitung in Ganderkesee und Hude

Anruf an einem Freitagnachmittag,"... ob ich bereit sei eine Begleitung zu übernehmen...?"

Der Urlaub der in Berlin wohnenden Tochter endet an diesem Wochenende. Sie hat ihre im Seniorenheim lebende Mutter während der zurückliegenden drei Wochen besucht und miterlebt, wie diese zunehmend den Appetit verlor, schwächer und bettlägerig wurde. Nun wendet sich die Tochter an den auch für Hude zuständigen ambulanten Hospizkreis Ganderkesee, um ihre 95jährige Mutter nach ihrer Abreise nicht unbegleitet zurücklassen zu müssen.

Es gibt Menschen, die beeindrucken vom ersten Augenblick an, ohne dass dieser Eindruck immer mit Worten zu beschreiben wäre. So ergeht es mir beim ersten Treffen mit der alten Dame. Anteil daran hat sicherlich Ihre liebevolle Ausstrahlung und eine immer wieder aufblitzende Lebendigkeit in ihren Blicken. Sie scheint mir sehr erschöpft, als sie so in ihren Kissen liegt. Dennoch sieht sie mich aufmerksam und geradezu einfühlend an. Ich freue mich, als ihr fester Händedruck mir das Einverständnis zu meiner Begleitung ihrer Person signalisiert.

Bei meinem nächsten Besuch scheint es ihr besser zu gehen. Lebhaft schildert sie Jugenderinnerungen aus dem Leben in ihrer Heimatstadt in Masuren: die Flucht aus dem verschneiten Ostpreußen, zu Fuß, mit ihrem Kind auf einem Schlitten und in Begleitung einer Freundin; einige tiefsitzende Bilder schreckvoller Ereignisse gewinnen wieder an Farbe, aber auch Dankbarkeit für richtig getroffene Lebensentscheidungen klingt an; ebenso ganz lebensnahe Sehnsüchte an den vergangenen Sommer, die Schönheit des Gartens, der das Heim umgibt und ihre Ausflüge dorthin im Rollstuhl bewegen sie.

Während unseres Treffens am darauffolgenden Tag klagt sie über eine furchtbare Schlaflosigkeit und quälende Schmerzen in der vorausgegangenen Nacht. Als ausgesprochenen Gedanken äußert sie "ob das nun das Ende sei...?" Doch schnell gewinnen wieder andere Themen die Oberhand. Als sie von ihrer Sehnsucht spricht, einmal wieder ein schönes Eis zu essen, beschliesse ich, ihr bei meinem geplanten Besuch, zwei Tage später, ein solches mitzubringen. Dazu kommt es nicht mehr. Am darauffolgenden Abend ruft mich die Tochter an um mir mitzuteilen, dass ihre Mutter verstorben sei. Gern hätte ich diese menschliche Begegnung noch ein Weilchen länger erleben wollen. Dankbar empfinde ich sie als Bereicherung und Anregung für das eigene Leben.

Johannes Schaub