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Tägliche Impulse – Dienstag, 7. April 2020

Jubel

Manchmal frage ich mich, ob es das Wesen von jungen Fußballern verändert, wenn im Stadion tausende von Menschen ihren Namen rufen und ihnen zujubeln. Wird man davon nicht größenwahnsinnig? Oder sorgt das einfach für einen Adrenalinkick? Ist das so eine Art legales Doping mit Fangesängen als erlaubter Substanz? Es wäre interessant zu wissen, ob die fußballerische Leistung in leeren Stadien die gleiche ist. Jedenfalls habe ich Respekt vor allen Fußballprofis, die trotz des Wirbels um ihre Person auf dem Teppich bleiben.

Nicht Teppiche, sondern Klamotten wurden vor Jesus ausgebreitet, als er reitend in Jerusalem ankam. Seine Füße schwebten höchstens ein kleines Stück über dem Boden, weil der Esel ja noch ein Fohlen war. „Hosianna“ ruft die Menschenmenge ihm zu. Dieses Wort kommt – jedenfalls in der Lutherbibel – nur in den Berichten der Evangelien über dieses Ereignis vor. Es ist also ein sehr besonderes Ereignis. „Gelobt sei, der da kommt in den Namen des Herrn!“ (Markus 11,9) Jesu Name wurde womöglich nicht gerufen. Aber der Eindruck von vielen Menschen, die sich ihre Kleider vom Leib reißen, Blätter von den Bäumen rupfen, um damit zu wedeln und die laut jubeln, muss ziemlich überwältigend gewesen sein. Ob der Jubel in Jesus wohl nachgehallt ist? Oder hat schon seine Seele geweint, weil er wusste, dass sein Weg ans Kreuz nicht aufzuhalten ist?

In der gleichen Stadt wird wenige Tage später aus dem Jubel die Forderung, diesen Mann zu töten. Nicht einmal die Wahl der einen Begnadigung kann Jesus für sich entscheiden. Die Menge zieht den Mörder vor. Darin ist sie gnadenlos. Ob wohl die gleichen Individuen erst gejubelt und dann die Todesstrafe gefordert haben? Einzelne und ihre Meinungen sind in einer großen Menge nur noch schwer zu erkennen.

Wieviel menschliche Größe gehört dazu, Jubel nicht auf sich zu beziehen, sondern von Anfang an zu wissen, wie schnell die Stimmung sich in das Gegenteil verkehren kann? Wahrscheinlich verändert offener Hass das Wesen eines Menschen mehr als jeder Jubel es könnte. Jubel hat das Potential in sich, aufzurichten und lässt Menschen über sich hinauswachsen. Hass ist immer zerstörerisch.

Darum ziehe ich die Maxime von August Pullmann vor, der zehnjährigen Hauptfigur im großartigen Jugendbuch „Wunder“ der Schriftstellerin Raquel J. Palacio: „Jeder Mensch auf der Welt sollte zumindest ein Mal Standing Ovations bekommen, denn wir alle überwinden die Welt.“

Ihre Pastorin Birte Wielage

Das Zitat ist der Schlusssatz aus: Raquel J. Palacio: Wunder. 7. Auflage 2016. Verlag dtv, Seite 444 – äußerst lesenswert, ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und verfilmt mit Julia Roberts in der Rolle als Auggies Mutter.