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Ermutigende Gegensätze – Donnerstag, 2. April 2020

Verzicht und Luxus 

Auf allen Kanälen ist von Verzicht die Rede, im Fernsehen, im Radio, in der Zeitung und auf online-Portalen. Vor allem der Verzicht auf „Shopping“ trifft junge Menschen angeblich hart. Dabei trifft es die, die jetzt kaum noch etwas verkaufen können, doch viel härter.

Aber vielleicht ist die Leere in Straßen und Regalen auch einfach nur sichtbarer als das Virus. Vielleicht ist es auch das Ungewohnte daran, das so fasziniert.

Viel lieber als mir die Augen zu reiben, weil ein paar Nudelsorten ausnahmsweise ausverkauft sind, reibe ich mir in diesen Tagen die Augen darüber, in was für einem Schlaraffenland wir eigentlich leben.

„Leere in Regalen“ ist eine maßlose Übertreibung. Es sind nur wenige Produktgruppen, die vorübergehend ausverkauft sind. Wer kein Mehl zum Brotbacken bekommt, kann sein Brot immer noch beim Bäcker kaufen. Daran, dass die Engpässe bei Grundnahrungsmitteln am größten sind, lese ich eher eine Besinnung auf das Wesentliche ab. Gerade diejenigen, die für sich große Mengen eingekauft haben, zeigen damit letztlich mit dem Finger auf den Luxus, in dem wir leben.

Wenn wir jetzt in langen Schlangen anstehen, dann sind die Schlangen nur um des gebotenen Abstands so lang. Die langen Schlangen in der DDR (räumlich und zeitlich) gab es, weil es überhaupt mal etwas gab. Angeblich stand man an, ohne zu wissen, wofür überhaupt!

Allein das Angebot an Süßigkeiten ist unglaublich. Neulich habe ich in einem Nicht-Discounter festgestellt, dass überschlägig 60 Regalmeter Gummizeug, Bonbons und Schokolade angeboten werden. Kekse und Chips waren nicht einmal mitgerechnet. Das ist alles andere als Verzicht. Für Menschen, die kaum mehr als Reis oder Maisbrei zu essen haben, dürfte das im wahren Wortsinn un-glaublich sein.

Und wem außer den Händlern schadet es, wenn wir Bekleidung und Schuhe jetzt etwas länger tragen, weil ein geplanter Austausch nach Anprobe vor Ort gerade nicht möglich ist?

Alle Waren, die über den täglichen Bedarf hinausgehen, können auf dem Versandweg bestellt werden, online oder offline.

Nach der Pandemie stürmen hoffentlich alle, die jetzt über die fehlenden Ausgeh- und Kulturmöglichkeiten klagen, die Bars, Kinos und Theater. Wieso bloß habe ich den Verdacht, dass viele der Lamentierer schon vorher keine Theatergänger, sondern Sofakartoffeln waren? Solidarität mit allen, die davon leben, wäre ein guter Grund, das nach der Pandemie zu ändern.

Nein, ich bleibe dabei. Es fehlt uns an nichts. Außer an Mundschutz für Menschen, die ihn gerade dringend für ihre Arbeit brauchen würden. Aber das ist ein anderes Thema.

Allen, die sich trotzdem noch Sorgen machen, sei von Jesus gesagt: „Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? [...] Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.“ (Matthäus 6,25.32b)

Das ist genug. Der ganze, wunderschöne Text Matthäus 6,25-34 findet sich zum Nachlesen hier.

Ihre Pastorin Birte Wielage