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Ermutigende Gegensätze – Dienstag, 31. März 2020

Flucht und das Zuhause

Gestern war das große Ganze im Blick, der Gegensatz zwischen Krieg und Frieden. Heute soll es um einen Ausschnitt davon gehen. In dieser Ausnahmesituation, in der sich die Welt befindet, hilft nicht nur der Grundgedanke „Es gibt was Schlimmeres“. Es hilft auch der Blick auf Teilbereiche dessen, was jetzt so ungewohnt ist.

Es ist richtig, dass zum Schutz aller Menschen – und ja auch zu unserem eigenen! – die Geltung von Grundrechten ausgesetzt ist. Eins davon ist die sogenannte Freizügigkeit, also die freie Wahl nicht nur des Wohnortes, sondern auch des Aufenthaltsortes. Wir sind nicht mehr frei, uns wann wir wollen zu treffen mit wem wir wollen, zu verreisen und unsere Freizeit weiter so zu gestalten wie wir es gewohnt waren. Genau diese Aufzählung zeigt schon auf, wohin der Dienstagsgedanke führen soll. Denn was wir als selbstverständlich erlebt haben, ist auf der Flucht gar nicht denkbar. Darum folgt wieder eine kleine Aufzählung.

  1. Wer fliehen muss, lässt seine schützenden vier Wände zurück, weil sie keinen Schutz mehr bieten. Wir (wenn gerade nicht selbst im Krankenhaus oder obdachlos) sind nun verpflichtet, zu Hause zu bleiben. Den meisten Menschen gelingt es auch dann, wenn die Mittel begrenzt sind, die Wohnung zu einem Ort zu machen, der „schön“ oder „gemütlich“ ist. Diesen Rückzugsort aufgeben müssen, ist etwas grundlegend Anderes als verordnetes Daheimbleiben.
  2. Wer flieht, wird in der Regel von seiner Familie getrennt. Angehörige sind zuvor vielleicht schon in Kriegshandlungen gestorben und fliehen kann nur, wer überlebt hat. Oder die alten Eltern können nicht mit, weil die Strapazen der Flucht zu groß wären. Niemand weiß, ob es ein Wiedersehen gibt. Wir dagegen sehen uns jetzt zwar nicht persönlich, haben aber viele Kontaktmöglichkeiten – und müssen vor allem niemandem einfach seinem Schicksal überlassen.
  3. Wer flieht, kann nicht viel mitnehmen, weil es getragen werden muss. Mit dem Auto wird nur selten geflohen. Was müssten wir alles zurücklassen, wenn wir nicht mehr als einen Koffer und einen Rucksack packen könnten?
  4. Die verordnete Zeit, die jetzt Familien mit Kindern miteinander verbringen, wird in Berichten gerade erstaunlich oft als etwas Schlimmes dargestellt. Ist das wirklich so? Natürlich sind Krisen und Probleme jetzt nicht einfach gelöst. Es wird weiter hinter verschlossenen Türen Gewalt ausgeübt. Aber passiert für viele andere jetzt nicht genau das, was sie sich schon oft gewünscht haben: Mehr Zeit für die Familie haben? Auch gelangweilte und quengelnde Kinder sind nicht so schlimm wie es ist, wenn die eigenen Kinder im Flüchtlingslager spielen müssen oder wenn das eigene Kind auf einem langen Marsch im Flüchtlingstreck erfroren zurückgelassen werden muss. Es leben bei uns noch so viele Menschen, deren Geschwister als Kleinkinder auf der Flucht ums Leben gekommen sind!
  5. Wenn wir zu Hause bleiben, sind wir vor Ansteckung sicher. Wer flieht, ist längst noch nicht in Sicherheit. Das Mittelmeer als Fluchtweg wird längst als größtes Grab der Welt bezeichnet. Wir sterben nicht vom Zuhausebleiben.

Wieder ist das alles nicht vollständig. Aber ich wünsche der Weltgemeinschaft, dass unser Verständnis für Flüchtlinge überall auf der Welt größer wird. Sie zu schützen, ist ein wichtiger Grundsatz, der sich durch die ganze Bibel zieht.

Bleiben Sie gesund und behütet!

Ihre Pastorin Birte Wielage