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Ermutigende Gegensätze – Samstag, 4. April 2020

Einsamkeit und Gemeinschaft 

„Zusammen ist man weniger allein.“ Haha. Wer niemanden hat, kann das wahrscheinlich gar nicht lustig finden. Wer unfreiwillig alleine lebt, wer keine Familie (mehr)  hat oder keinen Kontakt zu ihr, wem Freundschaften fehlen, ist allein. Dann gibt es kein „Zusammen“. Wahrscheinlich ist das Empfinden, ab wann jemand sich dann auch einsam fühlt, sehr individuell.

Dabei ist zu unterscheiden zwischen Alleinsein und Einsamkeit. Alleinsein ist ein Zustand. Einsamkeit ist ein Gefühl. Das Alleinsein kann gestaltet und ausgefüllt und bei Kontaktfreudigkeit auch geändert werden. Einsamkeit ist einfach da. Sie übermannt oder überrumpelt einen, manchmal sogar in ganz unerwarteten Situationen. Manchmal kommt sie nur kurz zu Besuch. Bei anderen lässt sie sich gar nicht wieder wegschicken, sondern wird zur Dauermieterin oder besetzt einfach das Haus der Seele.

Als Seel-Sorger*innen fragen wir Pastorinnen und Pastoren uns natürlich, wen Corona gerade alles einsam macht. Wie sehr leiden Menschen, die allein leben, unter den Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen? Wie viele Männer und Frauen mit Familie merken gerade, dass sie in ihrer Partnerschaft eigentlich schon länger einsam sind?

Ich fange an zu verstehen, dass die Gleichsetzung von Verzicht auf Geselligkeit und Kontakt mit Einsamkeit eine Verwechslung ist. Der Verzicht bedeutet Alleinsein. Das ist zu bedauern und macht in vielen Situationen auch traurig. Aber diese Zeit kann mit anderen Möglichkeiten überbrückt werden: telefonieren, lange Briefe oder kurze Postkarten schreiben, zu Ostern Päckchen verschicken, oder mit Einsatz von Technik Nachrichten schreiben, Videos schicken und mit den entsprechenden Anbietern Videokonferenzen und Bildtelefonie nutzen. Das alles erhält die Gemeinschaft, die schon immer da war. Ich glaube, dass gerade sogar Kontakte vertieft und Freundschaften neu gepflegt werden – weil Zeit dafür ist. Und weil uns die Vielfalt der Möglichkeiten durch die Umstände neu bewusst wird. Zuneigung braucht Nähe, aber sie wird durch Abstand nicht weniger.

Es gibt noch eine Möglichkeit: beten. Wer wie der Psalmbeter Gott bittet: „Wende dich zu mir und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und elend“ (Psalm 25,16) – dem sei gesagt: „Wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan“ (Matthäus 7,8). Gott, der Vater, Mutter und Tröster ist, hat offene Ohren und ein weites Herz. Er ist ein Gegenüber und steht uns zur Seite. Auch beten ist mindestens einen Versuch wert. Der Kontakt ist unbeschränkt.

Ihre Pastorin Birte Wielage