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Schöne Wörter – Samstag, 28. März 2020

Zufriedenheit

Es ist mehr als nur Anpassungsfähigkeit oder Schönreden, wenn Menschen zufrieden sind, die nur wenig haben oder gerade eine Lebenskrise durchmachen. Ihre Zufriedenheit ist eine Haltung. Diese Haltung strahlt aus. Menschen, die erzählen, dass es ihnen doch gut geht, haben nicht resigniert. (Diejenige, die sich das Trotzdem! mit Ausrufezeichen dann dazu denkt, bin ich.) Ihre Körperhaltung ist aufrecht, nicht zusammengesunken. Ihr Blick ist wach. Liegt das daran, dass ihre Augen schon so viel gesehen haben? Oder daran, dass die Neugier eine Schwester der Zufriedenheit ist? Das Alter hat die Stimme vielleicht ein wenig zittrig gemacht. Aber sie ist ruhig, nicht laut oder aufgeregt. Laut werden nur die Unzufriedenen.

Wenn ich an zufriedene Menschen denke, fallen mir fast nur Männer und Frauen jenseits der 70 ein. Auch Kranke sind darunter. Sie nehmen die körperlichen Einschränkungen als Begleiterscheinung des Alters an.

Unzufriedenheit ist offenbar leichter, denn „irgendwas ist immer!“ Aber ist das, was uns klagen lässt, nicht oft eine Kleinigkeit? Mich beeindruckt die Fröhlichkeit der alleinerziehenden Mutter, die günstig einkauft, täglich kocht und ihren Töchtern ein behütetes Zuhause gibt, obwohl das Geld nie reicht. Denn trotz aller Privilegien ist auch bei mir „immer irgendwas“.

Wie lange die Corona-Krise dauern wird, ist nicht absehbar. Wie viele Menschen jetzt verzweifelt sind, weil ihr Einkommen wegbricht, ist nicht gezählt. Es ist wohl kein Zufall, dass in unserer „Brotnation“ Mehl und Hefe mit am schnellsten ausverkauft waren. Brot im Haus zu haben – oder backen zu können – ist wesentlich. Es war auch Angst, die Regale geleert hat. Aber vielleicht war es auch eine Besinnung auf das Wesentliche. Darum soll diese erste kleine Reihe enden mit einem Gedicht von Reiner Kunze (geb. 1933). Es lehrt mehr als Zufriedenheit. Es lenkt auch den Blick auf die anderen und auf Gott.

Fast ein Gebet

Wir haben ein Dach

und Brot im Fach

und Wasser im Haus,

da hält man's aus. 

Und wir haben es warm

und haben ein Bett.

O Gott, daß doch jeder

das alles hätt'!

 

Bleiben Sie behütet!

Ihre Pastorin Birte Wielage