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Schöne Wörter – Donnerstag, 26. März 2020

Vertrauen

Tag vier in dieser kleinen Serie. Wann ging das eigentlich los mit Corona? Die Tage habe ich festgestellt: In den Kirchengemeinden jedenfalls viel später als in den Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern. Diese Verzögerung hat mich nachdenklich gemacht. Ist da was in der Nachrichtenübermittlung schief gelaufen? Waren wir nicht aufmerksam genug? Wahrscheinlich trifft beides nicht zu. Denn wer gerade zu entscheiden hat, wer wann was erfährt, vollzieht einen Drahtseilakt. Es muss sorgsam abgewogen werden zwischen den beiden Polen zu früh (Panikmache) und zu spät (Fahrlässigkeit). Mir scheint, dass das in unserem Land gut gelingt.

Drahtseilakte sind die gefährlichen Nummern von Seiltänzern. Die Höhe ist schwindelnd, und meistens fehlt das Netz. Die Seiltänzerin balanciert auf einem gespannten Seil mit nichts einer langen Stange für besseres Gleichgewicht. Das braucht Mut, um da überhaupt nach oben zu klettern. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten muss groß sein. Diese Art von Gefahr fand ich schon immer überflüssig: Wie kann jemand sein Leben riskieren, nur damit andere staunen und ihre Nerven gekitzelt werden?

Das Leben und diese besonderen Zeiten lassen einem aber manchmal keine andere Wahl. Auch das geht nicht ohne Vertrauen. Entscheidungsträger können sich nicht wegducken. Sie müssen den Experten vertrauen. Die Experten vertrauen ihren wissenschaftlichen Fähigkeiten und anerkannten Forschungsstandards. Wir Mustermänner und Musterfrauen brauchen Vertrauen, dass alles funktioniert, die Politik, das Gesundheitswesen und die Presse. Wir haben Grund für dieses Vertrauen, denn wir leben in einer funktionierenden Demokratie, haben ein stabiles Gesundheitswesen und eine freie Presse. Das ist alles andere als selbstverständlich.

Aber wenn wir dann doch fallen in die Untiefen von Angst oder Einsamkeit? Unser Netz unter dem Drahtseil des Lebens ist Gott. Niemand hat das voller Gottvertrauen schöner beschrieben als der Dichter Rainer Maria Rilke (1875-1926) im Gedicht „Herbst“: Es ist „Einer, der dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.“

Wer jetzt weiterlesen möchte, nur zu! Der Mann hat’s wirklich drauf gehabt. Wunderschön auch: „Zum Einschlafen zu sagen“. Sein „Panther“. Hach... Für alle, denen bis hier der Frühling gefehlt hat, noch zwei Verse von Rilke. Sie sind wie für diese Tage geschrieben: „Ein Tor geht irgendwo / Draussen im Blütentreiben“.

Schöne lyrische Entdeckungen wünscht Ihre Pastorin Birte Wielage

P.S.: Kleine Buchhandlungen freuen sich gerade sehr über Bestellungen 😉