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Tägliche Impulse – Donnerstag, 23. April 2020

Einander dienen 

Heute kommt Idee Nr. 2: „Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat.“ Zufällig und ganz ohne Absicht ist das wieder ein Satz aus dem 1. Petrusbrief (4,10a).

Ganz naheliegend ist das nicht, dass ich das Dienen herausgreife. Denn das ist auf den ersten Blick etwas altmodisch. Hausangestellte beschäftigen geht erst ab einer hohen Gehaltsklasse. Wir reden heute auch eher von Butlern. Von Bedienung sprechen wir noch, wenn wir die Kellnerin im Restaurant meinen. Oder die Eltern halbwüchsiger Kinder stellen klar, dass sie schließlich nicht ihre Putzfrau / ihr Chauffeur oder Ähnliches sind.

Das wird dem Dienen nicht gerecht. Denn in meinen Augen ist es die Steigerung eines Wortes, das ziemlich hoch im Kurs steht, nämlich „Achtsamkeit“. Damit ist meistens ein In-sich-hinein-Hören gemeint, weil wir alle ja angeblich gar nicht mehr wissen, was wir eigentlich und wollen und uns kennen lernen müssen, um nicht zu kurz zu kommen. Nun ist es natürlich sinnvoll, ab und zu innezuhalten und mal zu gucken, ob alles noch im Lot ist. Oder ob Veränderungen anstehen. Aber mir persönlich ist das zu ichbezogen. Darum mag ich das Dienen lieber. Das enthält – jedenfalls so, wie es mit dem Bibelwort gemeint ist – beide Richtungen.

Erst einmal ist ganz selbstverständlich vorausgesetzt, dass wirklich jeder zum Dienen in der Lage ist. Denn ausnahmslos Jede und Jeder kann etwas. Alle haben eine „Gabe empfangen“, also eine Begabung für etwas. Mit diesem Satz gibt es schon einmal keinen Grund mehr, sich jemals bedeutungslos zu fühlen.

Dann wird der Blick auf den Anderen gelenkt. Wenn ich jemandem dienen, ihm oder ihr also etwas Gutes tun möchte, muss ich aufmerksam sein. Schließlich muss ich erst einmal herausfinden, was dieses Gute sein könnte. Ich beobachte also genau: Lässt einer die Schultern hängen? Ist die Energie verschwunden? In diesen Zeiten kommt es vielleicht noch mehr auf das Hinhören an: Wird etwas zwischen den Zeilen gesagt? Klingt die Stimme anders als sonst? Dann kann ich reagieren – und dienen. Wem das gerade beim Partner schwer fällt, weil der lange gemeinsame Aufenthalt im Haus alle Macken umso deutlicher hervortreten lässt, möge sich fragen: Warum nochmal war ich damals eigentlich so verliebt? Hoffentlich fällt Ihnen dazu eine Menge ein!

Schließlich ist das Dienen nicht einseitig. Denn der Aufruf geht nicht nur an mich, sondern an alle. Wir sollen „einander“ dienen, also gegenseitig. Jetzt kann ich natürlich darauf warten, dass andere damit anfangen. Aber wozu? Hier gilt einmal mehr die ganz unbiblische Weisheit: „Wie es in den Wald hineinruft, so schallt es wieder heraus.“

Insgesamt ist die Aufforderung zum Dienen nicht einmal eine Überforderung. Wir brauchen nicht über uns hinauszuwachsen. Jeder soll einfach nur tun, was er oder sie (sowieso) kann.

Diese Art von gegenseitigem Aufeinander-Achten beobachte ich in Coronazeiten häufiger als vorher. Ich wünsche uns sehnlichst, dass das alles bleibt, wenn die Pandemie längst überstanden ist.

Ihre Pastorin Birte Wielage