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Tägliche Impulse – Donnerstag, 30. April 2020

Gott schließt die Tür

Wieder nur Ärger. Die Menschheit hatte es sich auf Gottes Erdball gemütlich gemacht und sich eingelebt. Aber Gott musste mit ansehen, „dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war“ – und das auch noch andauernd. (1. Mose 6,5). Kaum vorstellbar, aber es wird berichtet, dass es dem liebenden Gott ernsthaft Leid tat, uns überhaupt erschaffen zu haben. Sein Empfinden war ähnlich tief wie die Bosheit der Menschen, denn „es bekümmerte ihn in seinem Herzen“ (1. Mose 6,6). In seinem – heiligen? – Zorn will er nichts mehr von ihnen sehen. Alle sollen sterben. Nur Noah nicht. Denn er und seine Familie hatten sich niemals etwas zuschulden kommen lassen. Auch in der neuen Lutherübersetzung wird dafür das altmodische aber schöne Wort „untadelig“  verwendet. Der Rest ist bekannt: Gott kündigt Noah die große Sintflut an, liefert ihm eine Bauanleitung für ein unfassbar großes Schiff, Noah wird zum Schiffbauer und baut die Arche, er wird zum Zoodirektor und sammelt Tierpaare ein. Der Regen setzt ein. Alle sind an Bord, Menschen und Tiere. Aber wer macht jetzt die Schotten dicht? Wenn die große Luke erstmal von außen geschlossen ist, müsste ja einer draußen bleiben... Eine erzählerische Lösung muss her. Die ist wieder eine der zärtlichen Gesten Gottes: „Der Herr schloss hinter ihm zu.“ (1. Mose 7,16) Das soll kaum anders vorstellbar sein, als dass die mächtige Hand des Schöpfers selbst aus dem Himmel nach unten greift. Gott hat sich dazu keiner Hilfsmittel bedient, eines Windstoßes oder so. Ganz sacht muss die Bewegung gewesen sein, damit nicht vom Rumms die Hühner aufflattern oder sich eins der Tiere den Schwanz einklemmt. Obwohl Gott doch mit einem großen Knall alles vernichten will.

Mir gelingt es einfach nicht, Gott für Sintflut verantwortlich zu machen – und deswegen sein Handeln in Frage zu stellen. Wenn er doch alles gut geschaffen hat, ist der Mensch doch selbst schuld, wenn dem Allmächtigen ob seiner Bosheit der Kragen platzt, oder? Ich finde diesen zornigen Gott sehr menschlich.

Gleichzeitig sehe ich im eigenhändigen Schließen der Tür einen großen Akt der Gnade. Wenn unsereins zornig ist, dann knallt schon mal eine Tür. Kurzfristig sorgt das für Aggressionsabbau, auch wenn die Tür nichts dafür kann. Noch mehr und ohne Worte, dafür umso lauter, sagt die verschlossene Tür aber: Ich will dich nicht mehr sehen. Etwas soll zwischen uns sein.

Wieviel schöner wäre es, wenn wir auch im Streit die Türen ganz sacht schließen würden. Nicht, um ein Hindernis zwischen zwei Menschen aufzubauen. Sondern um Pause vom Zorn zu machen und lieber dem Streit gnädig etwas entgegen zu setzen. Damit nach der (Tränen)Flut am Ende ein neuer Regenbogen leuchten kann.

Mit Blick auf blauen Himmel grüßt Ihre Pastorin Birte Wielage