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Tägliche Impulse – Freitag, 17. April 2020

Purzelbaum

Es gibt Wörter, die wegen ihres bloßen Klanges lustig sind. Andere sind lustig, wenn man sich das Bezeichnete wörtlich vorstellt. So ein Wort ist „Purzelbaum“.

Der Purzelbaum ist mir in dreifacher Hinsicht sympathisch. Erstens geht dabei der naheliegendste Gedanke zu spielenden Kindern. Vom Kindergarten bis über das Grundschulalter hinaus wissen die meisten nicht, wohin mit ihrem Bewegungsdrang. Einfach gehen geht nicht, sie müssen ständig rennen und hopsen. Oder drinnen oder draußen Purzelbäume schlagen. Nachdem viele Kinder angeblich schon lange nicht mehr rückwärts laufen und inzwischen offenbar nicht einmal mehr auf einem Bein stehen können, hoffe ich, dass sie wenigstens die Fähigkeit zur klassischen Rolle vorwärts nicht so schnell verlieren.

Zweitens gefällt mir die Bewegung als solche (wenn auch meine eigene Gelenkigkeit zu wünschen übrig lässt). Denn ähnlich wie ein Rad oder einen Salto zu schlagen oder einen Handstand zu machen ist sie völlig zweckfrei. Ich erkenne darin eher pure Lebensfreude. Bei allen Bewegungen verschiebt sich außerdem die Perspektive. Für einen kurzen Moment steht die Welt Kopf – durch die eigene Körperkraft. Purzelbäume, geschlagene Räder, ein Salto oder der Handstand heben gewissermaßen die Welt aus den Angeln. Auch im übertragenen Sinne ist so ein Wechsel des Blickwinkels manchmal ganz heilsam.

Drittens gefällt mir die wörtliche Vorstellung. Ein Baum, der purzelt – oder gar selbst den Purzelbaum macht – wird durch das Wort zum Subjekt. Ihm wird nicht durch die Kettensäge Gewalt angetan, dann würde er ja gefällt und fallen. Er ist nicht Opfer eines Orkans, dann würde er stürzen. Ein purzelnder Baum wäre Teil der überbordenden, phantasievollen Schöpfung. Vielleicht würde er freiwillig einen Hügel herunterpurzeln, sich dabei mit seinen Ästen abstützen, unten leise kirchernd liegen bleiben und sich den Stamm von der Sonne kitzeln lassen. Nach dem kleinen Ausflug kletterte er mit seinen starken Wurzeln wieder zurück an seinen Platz, um weiter den Vögeln unter dem Himmel und den Insekten eine Behausung zu bieten und für saubere Luft zu sorgen.

Die Vorstellung ist natürlich ziemlich abwegig. In ähnlicher Form findet sie sich aber sogar schon beim Propheten Jesaja. Es geht um eine Verheißung an alle, die sich auf den Weg mit Gott einlassen. Ihnen wird in Aussicht gestellt: „Berge und Hügel sollen vor euch her frohlocken mit Jauchzen und alle Bäume auf dem Felde in die Hände klatschen.“ (Jesaja 55,12) Auch das stelle ich mir für einen Augenblick wörtlich vor. Was wäre das für ein Glück. Und wie schön wäre es, wenn Mensch und Natur sich auf diese Weise endlich ganz einig wären.

Ihre Pastorin Birte Wielage