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Tägliche Impulse – Karsamstag, 11. April 2020

Stoff

Mit dem Karsamstag verhält es sich wie mit den drei Tagen zwischen Palmsonntag und Gründonnerstag. Episoden aus der Passionsgeschichte in den vier Evangelien lassen sich diesem Tag nicht zuordnen. Zwischen der Grablegung Jesu und seiner Auferstehung passiert scheinbar nichts. Nur bei Lukas wird erwähnt, dass die Sabbatruhe eingehalten wurde.

Nicht nur der Sabbat dürfte der Grund für die Ereignislosigkeit dieses Tages sein. Alles ist erlebt, erlitten, erduldet, gefürchtet, von allen Beteiligten. Jesus ist tot. Still muss es gewesen sein, nachdem der laute Todesschrei Jesu verhallt war.

In Erinnerung an diesen Tag bleibt mehr als das aufgerichtet Marterkreuz. Es bleiben weitere eindrückliche Zeichen dessen, was passiert ist. Sie sind aus Stoff.

Das erste ist der Vorhang des Tempels. Er zerriss im Augenblick des Todes „in zwei Stücke von oben an bis unten aus“. Der Vorhang trennte in Jerusalem den Tempelraum vom Allerheiligsten, in dem die Bundeslade aufbewahrt wurde. Durch das Zerreißen des Vorhangs eröffnet der Tod Jesu den Zugang zum Allerheiligsten, die Trennung ist aufgehoben. Was mag mit diesen beiden großen Stücken aus kostbarem Stoff passiert sein? Sie wurden sicher nicht einfach liegen gelassen. Aber ob es bei der aufgehobenen Trennung und dem neuen Zugang geblieben ist, wird nicht berichtet.

Das zweite Zeichen aus Stoff ist das Leinentuch, in das der Leichnam Jesu gewickelt wurde. Nachdem es auf dem Weg zum Kreuz, am und unter dem Kreuz nur Qual und Schmerzen gab, lesen wir endlich von Zuwendung. Es ist ein Mann, Josef aus Arimathäa, der dafür sorgt, dass Jesus nach seinem entwürdigenden Tod wenigstens ein würdiges Begräbnis erhält (Markus 15,42-47). Dieser Mann bittet Pilatus um den Leichnam – ein fast schon behördlicher Vorgang – nimmt den Toten vom Kreuz, wickelt ihn in ein Leinentuch und legt ihn in ein Felsengrab. Josef muss Jesus nahe gestanden haben. Die selbstgewählte Aufgabe war schwer, in jeder Hinsicht. Diese Schwere lässt seine Hingabe erkennen. Er kann Jesus kaum anders als liebevoll in das Tuch gewickelt haben.

Der Stoff, aus dem die Tränen sind, ist Wasser, vermischt mit Salz. Tränen, die Petrus geweint hat, nachdem er Jesus verleugnet hat (Markus 14,66-72). Es waren wohl Tränen von der Art, die man nicht gleich wegwischt, sondern die aus Kraftlosigkeit und Verzweiflung auf den Wangen trocknen. Ebenso die Tränen, die von den Jüngern geweint wurden, als mit dem Tod ihres Freundes Jesus auch die Hoffnung auf bessere Zeiten gestorben war.

Wir wissen, dass diese Zeiten kommen werden.

Wir wissen um die Auferstehung.

Wir erwarten den Aufgang der Sonne am Ostermorgen.

Pastorin Birte Wielage