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Tägliche Impulse – Dienstag, 28. April 2020

 

Gott näht

Es ist nicht jedem Menschen gegeben, Liebe zu zeigen. Verliebte werden alleine plötzlich zu Dichtern und denken Worte, von denen sie gar nicht wussten, dass sie zu ihrem Wortschatz gehören. Aber wenn er oder sie dann vor ihnen steht, ist der ganze Kopf auf einmal leer und das Sprachzentrum versagt kläglich. Partner lieben einander noch immer, und trotzdem vergessen sie den Hochzeitstag oder wieviel Freude kleine Überraschungen machen können. Eltern würden sterben für ihre Kinder und schreien sie trotzdem ständig an. Das Leben ist manchmal krumm und schief.

Gott ist im Liebe-Zeigen ganz gut. Er ist sogar so geschickt, dass man die Zeichen seiner Liebe leicht übersehen kann. Dabei zeugen gerade seine kleinen Gesten von seiner wahren Größe. Die erste, um die es gehen soll, steht gleich im ersten Buch der Bibel, schon im dritten Kapitel. Gott hatte die ganze Welt erschaffen, mittendrin einen paradiesisch schönen Garten. Er hat sich die Menschen einfallen lassen, und schon gab es Probleme. Wie ein Vater hatte Gott seinen beiden geliebten Kindern Adam und Eva etwas verboten, um sie zu schützen. Alles, alles dürften sie essen, nur nicht die Früchte vom Baum der Erkenntnis und dem Baum des Lebens. Der Rest ist bekannt: Die Schlange belabert Eva, die kann nicht widerstehen und isst eine Frucht, verführt auch Adam dazu, beide schämen sich plötzlich für ihre Nacktheit, sie verstecken sich, Gott findet sie ohne suchen zu müssen und bestraft alle drei. Ich denke, der Rauswurf aus dem Paradies stand schon fest. Aber mitten in diesem ganzen Sumpf aus Gier, List, Misstrauen und Habenwollen gibt es eine unglaublich liebevolle Geste: „Gott der Herr machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.“ (1. Mose 3,21) Irre. Gott muss genäht haben. Sonst hält das doch nicht. Tacker hatte noch nicht einmal der Allmächtige erfunden. Er hat auch nicht gesagt: „Ich hab euch dahinten was hingelegt, zieht euch mal was über!“ Nein. Die Vorstellung ist, dass er selbst die beiden ersten Menschen angezogen hat. Er hat in den Abgrund ihrer Herzen gesehen. Aber er lässt sie nicht gehen, ohne ihnen in ihrer Scham zu helfen. Das ist großartig.

So könnte das doch auch gehen, oder? Mutter zu ihrem Kind, denkt: Du hattest gerade einen Tobsuchtsanfall? Ich zieh dir deine Jacke an. – Er zu ihr, denkt: Nie ist sie pünktlich... Ich helf ihr in den Mantel. – Sohn oder Tochter zum alt gewordenen Elternteil, denkt: Du erkennst mich nicht mehr? Ich zieh dich an.

Das sind Schattensprünge, weil der eigene Schatten übersprungen werden muss. Aber mit solchen Liebestupfern werden der Alltag und die Welt schöner.

Ihre Pastorin Birte Wielage