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Tägliche Impusle, Samstag, 2. Mai

Zwei Finger (Für meinen Bruder)

Es war einmal ein kleiner Junge. Er war ein lieber Kerl, aber wie alle kleinen Jungs hatte er manchmal Flausen im Kopf. Manchmal probierte er Sachen aus und hoffte, dass es keiner merkt. Kleine Jungs wissen eben noch nicht so genau, was die Erwachsenen alles mitbekommen. Und seine Mutter. Die konnte, je nachdem, manchmal ziemlich sauer werden. Normalerweise redete sie ihn dann mit seinem Vornamen und seinem Nachnamen an. Dann war es ernst.

Eines Tages hatte er den Bogen wohl überspannt. Diesmal reichte das mit dem Nachnamen nicht. Diesmal sollte er doch mal lieber kurz vor die Tür gehen. Er wehrte sich nicht dagegen. Er wusste genau, wann die Stunde geschlagen hat und das nichts mehr nützt. Also schlich er sich vor die Tür. Und wartete.

Was macht ein Vier- oder Fünfjähriger, der noch nicht von einer „gerechten Strafe“ sprechen würde, der aber merkt, dass Mama Recht hat? Wahrscheinlich stellt er sich vor, dass sie jetzt ganz traurig ist. Das will er nicht. Er will, dass alles wieder gut ist. Dazu muss er irgendwie wieder rein. Aber wenn Mama dann immer noch böse auf ihn ist? Und er doch noch nicht reinkommen darf? Da hat er eine Idee. Er würde ausprobieren, wie es ist, wenn er noch nicht ganz reinkommt. Sondern nur ein bisschen.

Die Tür steht einen Spalt offen. Er nimmt etwas Mut zusammen. Dann nimmt er zwei Finger. Er steckt sie durch die Tür, so, als wollte er mit den Fingerspitzen mal fühlen, wie die Luft da drinnen ist. Er sagt, nicht zu laut und nicht zu leise, etwas fragend: „Zwei Finger kommen.“ Und wartet ab.

Aber nur einen kleinen, atemlosen Moment. Denn natürlich darf er wieder reinkommen. Natürlich ist alles wieder gut. Dieses Friedensangebot ist unwiderstehlich.

Es ist nicht willkürliche Strenge, sondern Liebe, wenn Eltern ihren Kindern Grenzen aufzeigen. Es braucht das ganze Einfühlungsvermögen und die ganze Kreativität eines kleinen Jungen, der seine Mutter liebt, um sich so eine rührende Geste auszudenken.

Wäre das nicht schön, wenn diese Zwei-Finger-Diplomatie auch auf internationalem Parkett funktionieren würde? Ich stelle mir vor, dass Staatschefs erst einmal mit Fingerspitzengefühl testen, wie die Luft ist, ehe sie den Militärapparat in Gang setzen. Dass einer zwei Finger ausstreckt und der andere die ganze Hand zum versöhnenden Handschlag nimmt.

Das bleibt wohl ein schöner Traum. Dazu bleibt die Feststellung, dass kleine Jungs die klügeren Politiker sind.

Ihre Pastorin Birte Wielage

P.S.: Der kleine Junge hatte mit den zwei Fingern dann übrigens noch öfters Erfolg.