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Zufriedenheit

Es ist mehr als nur Anpassungsfähigkeit oder Schönreden, wenn Menschen zufrieden sind, die nur wenig haben oder gerade eine Lebenskrise durchmachen. Ihre Zufriedenheit ist eine Haltung. Diese Haltung strahlt aus. Menschen, die erzählen, dass es ihnen doch gut geht, haben nicht resigniert. (Diejenige, die sich das Trotzdem! mit Ausrufezeichen dann dazu denkt, bin ich.) Ihre Körperhaltung ist aufrecht, nicht zusammengesunken. Ihr Blick ist wach. Liegt das daran, dass ihre Augen schon so viel gesehen haben? Oder daran, dass die Neugier eine Schwester der Zufriedenheit ist? Das Alter hat die Stimme vielleicht ein wenig zittrig gemacht. Aber sie ist ruhig, nicht laut oder aufgeregt. Laut werden nur die Unzufriedenen.

Wenn ich an zufriedene Menschen denke, fallen mir fast nur Männer und Frauen jenseits der 70 ein. Auch Kranke sind darunter. Sie nehmen die körperlichen Einschränkungen als Begleiterscheinung des Alters an.

Unzufriedenheit ist offenbar leichter, denn „irgendwas ist immer!“ Aber ist das, was uns klagen lässt, nicht oft eine Kleinigkeit? Mich beeindruckt die Fröhlichkeit der alleinerziehenden Mutter, die günstig einkauft, täglich kocht und ihren Töchtern ein behütetes Zuhause gibt, obwohl das Geld nie reicht. Denn trotz aller Privilegien ist auch bei mir „immer irgendwas“.

Wie lange die Corona-Krise dauern wird, ist nicht absehbar. Wie viele Menschen jetzt verzweifelt sind, weil ihr Einkommen wegbricht, ist nicht gezählt. Es ist wohl kein Zufall, dass in unserer „Brotnation“ Mehl und Hefe mit am schnellsten ausverkauft waren. Brot im Haus zu haben – oder backen zu können – ist wesentlich. Es war auch Angst, die Regale geleert hat. Aber vielleicht war es auch eine Besinnung auf das Wesentliche. Darum soll diese erste kleine Reihe enden mit einem Gedicht von Reiner Kunze (geb. 1933). Es lehrt mehr als Zufriedenheit. Es lenkt auch den Blick auf die anderen und auf Gott.

Fast ein Gebet

Wir haben ein Dach

und Brot im Fach

und Wasser im Haus,

da hält man's aus. 

Und wir haben es warm

und haben ein Bett.

O Gott, daß doch jeder

das alles hätt'!

 

Bleiben Sie behütet!

Ihre Pastorin Birte Wielage

 

Gelassenheit

Es ist alles so ruhig. Auf den Straßen ist viel weniger Verkehr. Der Lärm der vorbeifahrenden Autos ist fast verschwunden. Bisher ist mir auch nie aufgefallen, dass es im Supermarkt laut ist. Aber jetzt ist es selbst da irgendwie still. Aus den Lautsprechern kommt weiterhin Musik, aber das ist schon alles. Und wenn ich es eilig habe, dann poltere ich normalerweise durchs Haus. Jetzt ist auch nichts eilig. Draußen und innerlich sind die Lautstärkeregler herunter gedreht.

Für alle, die kleine Kinder haben, ist das Leben wahrscheinlich lauter geworden. Die ganze Energie der Kurzen muss sich ja irgendwie entladen. Wie gut wäre es, wenn alle Familien wenigstens einen Garten hätten! Dafür erholen sich jetzt hoffentlich die Ohren von Erzieherinnen. Mehr als einmal habe ich mich gefragt, wie sie es in den Kitas eigentlich stundenlang ohne Gehörschutz aushalten.

Abgesehen von den Berufsgruppen, die gerade unter besonderer Anspannung stehen, macht sich nach meinem Eindruck bei den Menschen gerade so etwas wie innere Ruhe breit. Zu innerer Ruhe kann man auch „Gelassenheit“ sagen – das schöne Wort für Tag fünf.

Diese Wahl soll Sorgen nicht leichtfertig beiseite schieben. Die finanziellen Engpässe haben ein ungekanntes Ausmaß. Die geschnürten Hilfspakete aber auch. Nicht umsonst gibt es in vielen Landstrichen Redewendungen, die Gelassenheit hervorheben. Der Kölner sagt: „Et hätt noch immer jot jejange“, also „es ist noch immer gut gegangen“ in der Bedeutung von „immer mit der Ruhe“. Das kann sogar funktionieren, wenn die Ruhe so wie jetzt gewissermaßen verordnet ist. Wenig anders ist der plattdeutsche Ausspruch: „Wat mutt, dat mutt“. Es ist eben nicht zu ändern.

In christlichen Texten bedeutet Gelassenheit „Gottergebenheit“ – vor meiner kleinen Recherche wusste ich das gar nicht. Ergeben sein schreit normalerweise nach Aufstand. Aber in diesem Fall ist es genau so. Gelassenheit lässt uns vertrauensvoll alles in Gottes Hand legen. Dann können wir in unseren Häusern vielleicht sogar sagen: „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, Herr, hilfst mir, dass ich sicher wohne.“ (Psalm 4,9)

Gelassenheit und keine Sorgen wünscht

Ihre gelassene Pastorin Birte Wielage

Vertrauen

Tag vier in dieser kleinen Serie. Wann ging das eigentlich los mit Corona? Die Tage habe ich festgestellt: In den Kirchengemeinden jedenfalls viel später als in den Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern. Diese Verzögerung hat mich nachdenklich gemacht. Ist da was in der Nachrichtenübermittlung schief gelaufen? Waren wir nicht aufmerksam genug? Wahrscheinlich trifft beides nicht zu. Denn wer gerade zu entscheiden hat, wer wann was erfährt, vollzieht einen Drahtseilakt. Es muss sorgsam abgewogen werden zwischen den beiden Polen zu früh (Panikmache) und zu spät (Fahrlässigkeit). Mir scheint, dass das in unserem Land gut gelingt.

Drahtseilakte sind die gefährlichen Nummern von Seiltänzern. Die Höhe ist schwindelnd, und meistens fehlt das Netz. Die Seiltänzerin balanciert auf einem gespannten Seil mit nichts einer langen Stange für besseres Gleichgewicht. Das braucht Mut, um da überhaupt nach oben zu klettern. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten muss groß sein. Diese Art von Gefahr fand ich schon immer überflüssig: Wie kann jemand sein Leben riskieren, nur damit andere staunen und ihre Nerven gekitzelt werden?

Das Leben und diese besonderen Zeiten lassen einem aber manchmal keine andere Wahl. Auch das geht nicht ohne Vertrauen. Entscheidungsträger können sich nicht wegducken. Sie müssen den Experten vertrauen. Die Experten vertrauen ihren wissenschaftlichen Fähigkeiten und anerkannten Forschungsstandards. Wir Mustermänner und Musterfrauen brauchen Vertrauen, dass alles funktioniert, die Politik, das Gesundheitswesen und die Presse. Wir haben Grund für dieses Vertrauen, denn wir leben in einer funktionierenden Demokratie, haben ein stabiles Gesundheitswesen und eine freie Presse. Das ist alles andere als selbstverständlich.

Aber wenn wir dann doch fallen in die Untiefen von Angst oder Einsamkeit? Unser Netz unter dem Drahtseil des Lebens ist Gott. Niemand hat das voller Gottvertrauen schöner beschrieben als der Dichter Rainer Maria Rilke (1875-1926) im Gedicht „Herbst“: Es ist „Einer, der dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.“

Wer jetzt weiterlesen möchte, nur zu! Der Mann hat’s wirklich drauf gehabt. Wunderschön auch: „Zum Einschlafen zu sagen“. Sein „Panther“. Hach... Für alle, denen bis hier der Frühling gefehlt hat, noch zwei Verse von Rilke. Sie sind wie für diese Tage geschrieben: „Ein Tor geht irgendwo / Draussen im Blütentreiben“.

Schöne lyrische Entdeckungen wünscht Ihre Pastorin Birte Wielage

P.S.: Kleine Buchhandlungen freuen sich gerade sehr über Bestellungen 😉

Humor

Die Wochenmitte ist erreicht, und damit ist es Zeit für ein bisschen Humor. Es ist richtig, die Krise ist ernst. Die Situation ist weltweit und bei uns in Deutschland für viele Menschen ernst. Das ist zu sehen an der Nachrichtenlage und an den leeren Straßen. Beim Einkaufen machen wir inzwischen einen Bogen umeinander und kaum noch den Mund auf, um auch nur zu lächeln. Trotzdem ist es wichtig, dass wir den Humor und das Lachen nicht verlieren.

„Humor ist, wenn man trotzdem lacht“. In dieser Redewendung stecken Trotz und Widerstand. Diese allgemeine Formulierung sagt gerade dadurch viel aus, dass sie nicht benennt, wem oder was zu trotzen ist. Die Allgemeinheit macht den Satz so gültig. Denn Humor hilft dabei, Angst zu besiegen. Darum blüht der Witz in Zeiten von Bedrohung – auch eine Form von Frühling. So wie jetzt, wenn von Piloten im Homeoffice erzählt, Fotomontagen mit dem Smartphone verschickt und umgedichtete Liedtexte gesungen werden. Ich kann darüber lachen und weiß: Lachen verbindet.

Echter Humor ist nicht Schadenfreude und überschreitet auch die Grenze zur Geschmacklosigkeit nicht. Die vielen Witze über Hamsterkäufe nehmen nicht Menschen, sondern ihr Verhalten aufs Korn. Darüber zu lachen befreit von der spürbaren Anspannung. Lachen ist gesund!

Sogar die Bibel ist viel lustiger als man meinen könnte. Im 4. Buch Mose beispielsweise (Kapitel 22) ist ausgerechnet eine Eselin klüger als der Prophet Bileam. Das ist keine Nummer für einen Comedian, aber eine urkomische Erzählung und nur eins von wirklich vielen Beispielen. Dass Jesus gelacht hat, wird im Neuen Testament zwar nicht berichtet, aber es ist kaum vorstellbar, dass er das NICHT getan hat – schlagfertig wie er war.

Werden wir also wie die Kinder. Die lachen vierhundertmal am Tag. Erwachsene nur zwanzigmal. Ist das nicht traurig?

Ihre Pastorin Birte Wielage

Hilfsbereitschaft

Ein zweites schönes Wort ist Hilfsbereitschaft. Es gab sie schon immer und es wird sie immer geben. Sie beschreibt noch nicht einmal die Hilfe selbst, sondern die Bereitschaft dazu. Für diese Bereitschaft braucht es zwei Voraussetzungen.

Die erste ist: Ich muss von mir selbst absehen können. Wenn die Freundin anruft, weil es ihr nicht gut geht, bleibt der Putzlappen liegen. Wenn jemand gefallen oder verunglückt ist, wird der Weg zu Fuß oder im Auto unterbrochen. Zu Hause bleiben um der Menschen willen, die sich nicht anstecken sollen, ist eine Veränderung des Alltags. Hilfe unterbricht und verändert Routine, Abläufe, Wege und Verhalten. Hilfsbereitschaft rechnet damit und fürchtet keine Konsequenzen.

Die zweite Voraussetzung ist: Ich brauche wache Sinne. Die Ohren hören auch die unausgesprochene Not. Die Augen sehen hin und nicht weg. Das Herz lässt sich anrühren. Das Bauchgefühl wird zum wichtigen Ratgeber.

Ich ahne, dass es in unserer Gesellschaft die Zeit vor und die Zeit nach Corona geben wird. Es brauchte Kampagnen, um Rettungsgassen zu erklären. Es verging kaum ein Tag, an dem nicht über Gaffer und Übergriffe gegen Rettungskräfte berichtet wurde. Und jetzt? Menschen halten zusammen, über Staatsgrenzen hinweg. Noch nie habe ich so oft von Engagement, Kreativität und Verständnis gehört wie in diesen Tagen. Das alles ist Hilfsbereitschaft.

Jesus hat gesagt: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40) Die „Geringsten“ sind jetzt die Erkrankten, die Isolierten, die Überlasteten und die am Rande ihrer Existenz stehen. Auch, wenn wir nicht heilen und keine Existenzen retten können, ist eine Menge Hilfe möglich, wenn wir nur bereit dazu sind. Einen Gang runter schalten, danke sagen, geduldig sein hilft schon allen. „Unsre Hilfe steht im Namen des HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.“ (Psalm 124,8)

Seien wir bereit dazu und packen wir es an. Gemeinsam gegen Corona. Gemeinsam für eine freundlichere Welt.

Ihre Pastorin Birte Wielage

Zuversicht

Heute geht es los mit der kleinen Reihe „Schöne Wörter“. Worte sind nicht greifbar, man kann sie abtun als „leere Wörter“. Hier geht es um die mit Gehalt. Denn ein kleines Wort kann so Großes bedeuten.

Die Coronakrise verlangt von uns allen viel ab. Schon auf liebe Gewohnheiten verzichten müssen ist nicht zu unterschätzen. Unser Alltag braucht ja eine Struktur, damit wir uns wohlfühlen können. Soviel ist gerade neu und anders und ungewohnt. Darum soll die Zuversicht der Beginn sein.

Dabei kann ich die Zuversicht nicht einmal beschreiben. Hoffentlich ist sie einfach da! Früher gab es die Redeweise „sich zu jemandem versehen“, das bedeutet, „auf jemanden vertrauen“. Daher kommt das Wort Zuversicht. Die Zuversicht hat auch mit sehen zu tun: Sie sieht in die Zukunft. Wer zuversichtlich ist, glaubt, dass am Ende alles gut werden wird. Das fällt in diesen Tagen schwer. Schließlich weiß niemand, wie die Pandemie ausgeht. Aber das ist ja der Trick: Die Zuversicht braucht gar kein Wissen.

Ich bin jedenfalls zuversichtlich...

... dass unser Gesundheitssystem sehr gut funktioniert                                                  ... dass wir uns durch gegenseitige Rücksichtnahme helfen können                             ... dass die Hilfsbereitschaft größer bleiben wird als Rücksichtslosigkeit                     ... dass die Einsamkeit sogar weniger wird – jetzt, wo so viele Menschen aneinander denken                                                                                                                                      ... dass wir gemeinsam stärker sind als die Angst: wenn wir zuhören und trösten  Mal ehrlich: Ihnen fallen bestimmt auch fünf Sachen ein. Mindestens!                          Das ist ein guter Anfang.

Zuversicht finden wir auch in der Bibel. Eigentlich wollte ich bloß einen Bibelvers nennen. Aber die sind alle so toll! Also gibt es drei auf einmal:

Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. (Psalm 46,2)

Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute, / schüttet euer Herz vor ihm aus; Gott ist unsre Zuversicht. (Psalm 62,9)

Der HERR ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht. (Psalm 91,9)

Gehen Sie mit der Summe aus 5+3 in die Woche und bleiben Sie behütet!

Ihre Pastorin Birte Wielage

An diesem Sonntag stehen auf dem Plan Gottesdienste für alle Generationen, von den Kindern bis zu den Erwachsenen und Senioren, denn für den 22. März sind Kinder- und Familiengottesdienst um 11.11 Uhr und Erwachsenen- und Seniorengottesdienst um 15 Uhr geplant gewesen.

Aber Angebote für diese Generationen wird es nun wirklich an diesem Sonntag geben. Für alle Freunde des Kinder- und Familiengottesdienstes gibt es im Internet auf dem YouTube-Kanal der Evangelischen Kirchengemeinde Hude eine neue Michael-Melanie-und-Malte-Geschichte. Sie ist natürlich für alle Altersgruppen geeignet und Oma Meyer wird auch hier nicht fehlen. Ebenso finden Sie auf dem Youtube-Kanal auch eine 15-Minuten-Predigt zum Sonntag, den 22. März. Pastor Reiner Backenköhler spricht über den Bibeltext, der für diesen Sonntag festgelegt ist, Jesaja 66, 10-13. Thema: "Alle reden über Corona, wir auch, aber nicht nur, wir reden auch über Oma Meyer".

Diejenigen, die keinen Zugang zum Internet haben, können sich die Predigt an der Eingangstür zum Martin-Luther-Gemeindehaus 'pflücken'. Die Predigt wird auch in der St. Elisabeth-Kirche ausliegen.

Ebenso finden Sie auch die übliche Malaktion beim Martin-Luther-Gemeindehaus für die Kinder, die es immer im Kinder- und Familiengottesdienst gibt. Pflücken können Huderinnen und Huder auch 'Worte zum Mitnehmen'. An diesem Wochenende werden bei der Pastorei, Vielstedter Straße 48, und beim Martin-Luther-Gemeindehaus, Waldstraße 31, Wäscheleinen ausgespannt. Daran werden Worte zum Mitnehmen hängen. Jede und jeder, der dort vorbeikommt, darf ein Wort pflücken.

Liebe Huderinnen und Huder, liebe Gemeindemitglieder aus Hude und Interessierte,

mit den folgenden Videos melden wir uns bei Ihnen und Euch zurück, nachdem wir alle unsere Veranstaltungen wegen des Corona-Virus eingestellt haben. Dies ist der noch holprige Anfang von hoffentlich vielen Beiträgen, Andachten, Gottesdiensten und Berichten. Unser Ziel ist, auf diesem Wege Sie und euch zu erreichen, mit Ihnen  und euch Zeit zu teilen, zu feiern und uns gegenseitig in dieser herausfordernden Zeit zu ermutigen.

Liebe Grüße und Gottes Segen, Ihre Kirchengemeinde

Das Video "Wir sind wieder bei Ihnen" können Sie auch hier mit einem Klick sehen. 

 

Online Andacht zum 15. März 2020

Moin!

Das Bedauern darüber, dass Gottesdienste ausfallen müssen, ist groß. Uns Pastorinnen und Pastoren fällt es schwer, darauf zu verzichten, von Gott und von Jesus zu erzählen. Darum soll es nicht bei einem Verzicht bleiben. Nur anders ist es jetzt. Nicht persönlich und mündlich in der Kirche, sondern schriftlich zum Lesen auf der Homepage. Herzlich willkommen zur ersten Huder Online-Andacht!

Was folgt, sind Gedanken zum Predigttext für diesen Sonntag.

Der Text hat in der Lutherbibel die Überschrift „Vom Ernst der Nachfolge“. Wäre diesen Sonntag „Vom Ernst der Lage“ vielleicht passender? Mal sehen. Der Text steht im Neuen Testament, im Lukasevangelium, 9. Kapitel, die Verse 57-62.

Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Und er sprach zu einem Andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. (Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

Tut mir Leid. Ich hab‘s versucht. Aber ich schaffe es einfach nicht, diese Worte zu lesen, ohne alles auf die gegenwärtige Situation zu beziehen und auf die Maßnahmen, zu denen wir aus Rücksicht auf mögliche Ansteckung mit dem Corona-Virus aufgerufen sind.

Jesus stellt fest, dass er es nicht einmal so gut hat wie die Tiere. Er ist obdachlos. Bei uns scheint es umgekehrt zu sein. Wer auf Nummer sicher gehen will, der bleibt zu Hause. Wir haben diesen Rückzugsort, Jesus nicht. Die Frage stellt sich: Wohin kann ich noch gehen? Wohin, ohne andere und mich selbst zu gefährden? Bei Jesus herrscht gerade Aufbruchstimmung. Bei uns herrscht Rückzugsstimmung.

Drei Menschen wollen mit Jesus mitgehen. Zwei von sich aus, der zweite wird von Jesus angesprochen. Das wirkt so fremd. Aber jeder, der einen Account hat bei Facebook oder Instagram, ist wahrscheinlich selbst längst zum „Follower“ geworden. Wir folgen Menschen, Freunden und Promis, und nehmen an ihrem Leben teil. „Follower“ sein klingt bloß irgendwie besser als „Nachfolge“. Und ist zugegeben nicht so radikal.

Diese Radikalität ist es, die einen geradezu ärgern kann. Aber wie es aussieht, ist das manchmal nötig. Jesus bricht mit der Tradition. Sogar die oberste Pflicht, für ein würdiges Begräbnis zu sorgen, soll verletzt werden. (So weit sind wir in der Kirche nicht! Beerdigungen finden statt!) Dem Ersten sagt er, dass er das Zuhause als Ort der Geborgenheit aufgeben soll. Der dritte schließlich soll sich nicht noch einmal umdrehen.

Das mit dem Pflug geht ja noch. Wer auf dem Acker beim Pflügen nach hinten sieht, kann nicht richtig geradeaus laufen. Die Furchen werden krumm. Dieses letzte ist ermutigend: Trau dich, nach vorne zu sehen! Geh vorwärts! Trauere nicht vergangenen Tagen nach! Du bekommst etwas Besseres dafür! Aber alle Geborgenheit aufgeben? Sterbende und Tote dem Tod überlassen? Nein. Das kann keiner wollen. Schon der Gedanke, dass in Seniorenheimen und Krankenhäusern die Besuche eingeschränkt werden müssen, tut einem ja in der Seele weh.

Aber so ist das: Das Leben ist kein Ponyhof. Manchmal passieren Dinge, die wir nicht vorhersehen können. Dann müssen wir damit umgehen und umsichtig handeln. Manche Entscheidungen sind so gravierend, dass sie nicht ohne unangenehme Folgen zu haben sind. Wie die, Jesus nachzufolgen. Wer das vorhat, muss nicht auf Wanderschaft gehen. Aber eine Entscheidung ist das schon. Eine, die vielleicht auch auf Unverständnis stößt.

Aber das ist nicht einfach Verzicht. Jesus bietet sich uns an als lebenslanger Begleiter. Er ist auch noch da, wenn Beziehungen abbrechen oder wenn jemand gestorben ist, den wir gern hatten. An die Stelle von Unsicherheit tritt die Geborgenheit bei Gott.

Das Tolle ist: Das geht sofort. Unser Einwand: „Aber ich muss erst noch Klopapier kaufen...“ zählt nicht. Wenn Sie lesen, hören und beten ist das schon der erste Schritt.

Den Text des Evangelisten Lukas möchte ich ergänzen durch einen Vorschlag zum Hören. Wenn Sie auf Youtube „i will follow him sister act“ eingeben und den ersten oder zweiten Treffer anklicken, hören und sehen Sie den Chor der Nonnen aus dem Film mit der großartigen Whoopie Goldberg. Ein kleiner, kurzer Ersatz für mitreißende Gottesdienste, die in diesen Tagen ausfallen. So fröhlich kann Nachfolge sein.

Wer beten möchte, kann das mit folgenden Worten tun:

Du Gott des Lebens, Du rufst uns, aber wir sind unsicher und fürchten uns.

In diesen Stunden und Tagen schwanken wir zwischen Zuversicht und Angst.

Wir machen uns Sorgen um unsere Lieben. Behüte und bewahre sie.

Krankheit bedroht die Schwachen und wir fühlen uns so hilflos. Behüte und bewahre sie.

Wir danken dir für alle, die in Krankenhäusern, Laboren und Ämtern arbeiten und sich um das Wohl aller bemühen. Behüte und bewahre sie.

Wir hören von den Flüchtlingen. Wir hören von den Kindern in Lagern und auf der Flucht. Sie alle wollen der Gewalt entkommen. Behüte und bewahre sie.

Wir hoffen auf das Ende der Gewalt. Leite die Mächtigen.

Wir wissen auch, dass unser Mitleid nicht genug ist. Lass uns solidarisch sein.

Mach unseren Mut größer als unsere Angst.

Zeig uns deine Liebe und lass uns deine Liebe weitergeben.

Bleibe bei uns mit deinem Trost, heute und jeden Tag.

 

Vater unser im Himmel.

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

Bleiben Sie behütet!

Ihre Pastorin Birte Wielage