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Stoff

Mit dem Karsamstag verhält es sich wie mit den drei Tagen zwischen Palmsonntag und Gründonnerstag. Episoden aus der Passionsgeschichte in den vier Evangelien lassen sich diesem Tag nicht zuordnen. Zwischen der Grablegung Jesu und seiner Auferstehung passiert scheinbar nichts. Nur bei Lukas wird erwähnt, dass die Sabbatruhe eingehalten wurde.

Nicht nur der Sabbat dürfte der Grund für die Ereignislosigkeit dieses Tages sein. Alles ist erlebt, erlitten, erduldet, gefürchtet, von allen Beteiligten. Jesus ist tot. Still muss es gewesen sein, nachdem der laute Todesschrei Jesu verhallt war.

In Erinnerung an diesen Tag bleibt mehr als das aufgerichtet Marterkreuz. Es bleiben weitere eindrückliche Zeichen dessen, was passiert ist. Sie sind aus Stoff.

Das erste ist der Vorhang des Tempels. Er zerriss im Augenblick des Todes „in zwei Stücke von oben an bis unten aus“. Der Vorhang trennte in Jerusalem den Tempelraum vom Allerheiligsten, in dem die Bundeslade aufbewahrt wurde. Durch das Zerreißen des Vorhangs eröffnet der Tod Jesu den Zugang zum Allerheiligsten, die Trennung ist aufgehoben. Was mag mit diesen beiden großen Stücken aus kostbarem Stoff passiert sein? Sie wurden sicher nicht einfach liegen gelassen. Aber ob es bei der aufgehobenen Trennung und dem neuen Zugang geblieben ist, wird nicht berichtet.

Das zweite Zeichen aus Stoff ist das Leinentuch, in das der Leichnam Jesu gewickelt wurde. Nachdem es auf dem Weg zum Kreuz, am und unter dem Kreuz nur Qual und Schmerzen gab, lesen wir endlich von Zuwendung. Es ist ein Mann, Josef aus Arimathäa, der dafür sorgt, dass Jesus nach seinem entwürdigenden Tod wenigstens ein würdiges Begräbnis erhält (Markus 15,42-47). Dieser Mann bittet Pilatus um den Leichnam – ein fast schon behördlicher Vorgang – nimmt den Toten vom Kreuz, wickelt ihn in ein Leinentuch und legt ihn in ein Felsengrab. Josef muss Jesus nahe gestanden haben. Die selbstgewählte Aufgabe war schwer, in jeder Hinsicht. Diese Schwere lässt seine Hingabe erkennen. Er kann Jesus kaum anders als liebevoll in das Tuch gewickelt haben.

Der Stoff, aus dem die Tränen sind, ist Wasser, vermischt mit Salz. Tränen, die Petrus geweint hat, nachdem er Jesus verleugnet hat (Markus 14,66-72). Es waren wohl Tränen von der Art, die man nicht gleich wegwischt, sondern die aus Kraftlosigkeit und Verzweiflung auf den Wangen trocknen. Ebenso die Tränen, die von den Jüngern geweint wurden, als mit dem Tod ihres Freundes Jesus auch die Hoffnung auf bessere Zeiten gestorben war.

Wir wissen, dass diese Zeiten kommen werden.

Wir wissen um die Auferstehung.

Wir erwarten den Aufgang der Sonne am Ostermorgen.

Pastorin Birte Wielage

P.S. zum Herzklopfen – Ein Beispiel  (Für B.)

Also manchmal... Manchmal passieren Dinge, bei denen ich kaum an Zufall glauben kann. Nur einen Tag, nachdem der Text über das Herzklopfen geschrieben war, habe ich aus zufälligem Anlass eine alte CD gehört: „...But Seriously“ von Phil Collins aus dem Jahr 1989. Und dann, nach langer entdeckungsloser Zeit die Feststellung: Mit Track 12 funktioniert es! Der Titel „Find A Way to My Heart“ lässt sich so hören, als ob Gott zu uns spricht.

Der Text des werbenden Liebesliedes bleibt angenehm diffus: Geht es um erste Verliebtheit? Wurde das Ich verlassen, hat aber noch Hoffnung? Oder wendet es sich ab, weil „go“ nicht losgehen, sondern weggehen bedeuten soll?

Es kann vorausgesetzt werden, dass Collins nicht aus der Perspektive Gottes geschrieben hat. Diese Gedanken sind meine Einträge in den Text. Aber bei dieser Entdeckung hat mein Herz doch tatsächlich ein bisschen schneller geschlagen.

Wenn Sie Lust haben, dann machen Sie es doch so: Klicken Sie den Clip an. Es dauert etwas, bis es losgeht, weil das Intro so lang ist (bei 0:40 setzt der Synthesizer ein, bei 0:54 der Gesang). Dann lesen Sie mit: die jeweils erste Zeile ist der Text, die zweite eine freie Übersetzung von mir und, wenn vorhanden, die dritte mein Kommentar oder ein Bibelvers dazu.

Vielleicht finden Sie dieses kleine Experiment ja plausibel. Machen Sie sich also zu Ostern auf Gottsuche 🙂

Ihre Pastorin Birte Wielage

Find a way to my heart, Phil Collins, 1989 

Find a way to my heart, and I will always be with you

Finde einen Weg zu meinem Herzen, und ich werde immer bei dir sein.

Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen. (Jeremia 29,14)

from wherever you are, I’ll be waiting

Ganz egal wo du bist, ich werde warten.

I’ll keep a place in my heart, you will see it shining through

Ich halte dir einen Platz in meinem Herzen frei, du wirst ihn leuchten sehen.

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein helles Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. (Jesaja 9,1)

so find a way to my heart, and I will, I will follow you

Finde also einen Weg zu meinem Herzen, und ich, ich werde dir folgen.

Meistens wird gesagt, dass wir Gott folgen sollen. Hier ist es umgekehrt (s.u.).

This journey’s not easy for you, I know

Diese Reise ist nicht einfach für dich, ich weiß.

Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. (Psalm 139,3)

if your footsteps get too faint to hear, I’ll go

Wenn deine Schritte zu schwach zu hören sind, werde ich losgehen,

Gott geht uns nach wie der Hirte seinem verlorenen hundertsten Schaf (Lukas 15,3-7).

cos you now, questions are never that easy

denn du weißt, Fragen sind niemals so einfach

and never the same

und niemals die gleichen.

you have the answer believe me

Du hast die Antwort, glaub mir,

if you have the faith.

wenn du an mich glaubst.

Ja, ja, das war geschummelt, es muss heißen: wenn du daran glaubst oder wenn du Glauben hast

Refrain Find a way to my heart …..

Time may come, and time may go, I know

Zeit mag kommen, und Zeit mag vergehen, ich weiß.

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde. (Prediger 3,1)

If you should call out for me, I’ll go

Wenn du nach mir rufen solltest, werde ich losgehen.

Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten. (Psalm 50,15)

but you know, there is a code to be broken

Aber du weißt, es gibt einen Code, der geknackt werden muss,

Hat auch keiner behauptet, dass der Glaube an Gott einfach ist...

I wrap it around

in den habe ich es eingehüllt;

without a word being spoken

ohne ein gesprochenes Wort,

without a sound.

ohne einen Laut.

Nichts sagen müssen ist auch beten. Der Code kann ohne Worte geknackt werden.

There’s a reason I hide my heart

Es gibt einen Grund dafür, dass ich mein Herz verstecke

Niemand hat Gott je gesehen. (Johannes 1,18)

out of sight, out of mind

außer Sichtweite, aus dem Sinn

and when I find out just who you are

und wenn ich herausfinde, wer du bist,

Hier funktioniert es definitiv nicht: der Schöpfer muss nicht erst herausfinden, wer wir sind, sondern kennt uns besser als wir uns selbst kennen

the door will be open for you to…

dann wird die Tür für dich offen stehen.

Wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. (Matthäus 7,8)

Refrain Find a way to my heart …..

Text aus dem Booklet der CD © 1989 WEA International Inc.


 

Schwamm

Karfreitag. Der Tag, an dem Jesus gestorben ist, stirbt, im Gedächtnis der Christenheit Jahr für Jahr wieder. Die wichtigsten Dinge müssen in der Erinnerung wiederholt werden, damit sie nicht vergessen werden.

Ein unscheinbarer Gegenstand wird zum Symbol für die unermesslichen Qualen, die Christus erlitten hat: ein Schwamm.

Markus (15,22-37) und Matthäus (27,45-50) erzählen die letzten Augenblicke des Lebens Jesu, sie erzählen seinen Tod. Menschen stehen unter dem Kreuz. Es bleibt ungewiss, ob es Soldaten sind oder Juden. Anders als in den Berichten von Lukas und Johannes gibt es keine Menschen, die ihm am Kreuz zur Seite stehen würden. Jesus ist allein, ruft sogar zu seinem Vater: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Einer nimmt einen Schwamm. Er steckt ihn auf ein Rohr, weil das Kreuz so hoch aufgerichtet ist. Der Schwamm ist mit Essig getränkt.

Lange dachte ich, dass diese Tat das einzig Milde ist, das im Leiden erkennbar wird: saurer Essig als Linderung gegen den Durst, ähnlich der Zitrone, die zur Erfrischung in Wasser gegeben wird. Aber so ist es nicht. Der Essig bereitet neue Qualen. Was Jesus ruft, wird mit Absicht missverstanden. Sein Leben und damit seine Qual soll mit dem Essig kurzfristig verlängert werden, damit – wie boshaft – der angeblich herbeigerufene Prophet Zeit genug hat, um tatsächlich zu erscheinen. Die Verspottung setzt sich fort noch am Kreuz.

Im Bericht des Johannes (19,28-30) kommt zu den Schmerzen auch noch Durst. Jesus selbst äußert den Wunsch, etwas zu trinken. „Mich dürstet“, sagt Jesus. Einer reicht ihm den Schwamm und hält ihn an seinen Mund. Auch hier: keine Linderung. Wir sehen nur deutlicher die Menschlichkeit Jesu vor Augen. Er leidet wie alle am Kreuz Gefolterten. Nur Johannes berichtet, dass Jesus auch trinkt. Der Schwamm wird zu dem bitteren Kelch, den ihm der Vater gibt (Joh 18,11).

Sogar etwas Banales wie ein Schwamm ist in seiner ganzen Willenlosigkeit und Objekthaftigkeit auf der Seite der Gegner. Kein Trost, nirgends.

Jesus ist tot. Mehr ist für heute nicht zu sagen.

Pastorin Birte Wielage

Füße

Gutscheine gelten landläufig als etwas einfallslose Geschenke. Da muss man aber unbedingt gut unterscheiden. Manchmal bringen sie die Beschenkten auch auf gute Ideen. So ging es einmal mir, als Freunde mir etwas Gutes tun wollten mit einem Gut-Schein für etwas, worauf ich von alleine nicht kommen würde. Ich bekam: einen Gutschein zur Einlösung in einem kleinen Kosmetikinstitut. Nun hab ich’s nicht so mit Kosmetik. Die Freunde haben sich beeilt zu ergänzen, dass es da ganz tolle Massagen gibt. Mir wurden dann zweimal meine Füße massiert – und es war herrlich! Ich fand es total faszinierend, wie sich der ganze Körper entspannt, wenn die Füße freundlich behandelt werden.

„Was trägt dich im Leben?“ Wer über die Antwort „Meine Füße!“ lacht, tut eigentlich seinen eigenen Füßen unrecht. Denn was haben wir zusammen nicht schon alles erlebt! Unsere Füße haben uns vom Boden abgestoßen, wenn wir als Kinder gehüpft sind. Gleichzeitig sorgen sie für Bodenhaftung. Mit ihnen wackeln wir von einem Bein auf das andere, wenn wir ungeduldig warten. Füße können Tore schießen und zum Werkzeug der Wut werden, wenn wir sie zwingen, gegen etwas zu treten. Als wäre das nicht genug, stehen wir zusätzlich auch noch im übertragenen Sinne auf den eigenen Füßen  und kommen immer so weit, wie unsere Füße tragen.

Inzwischen hat man herausgefunden, dass die Ohren der Menschen so individuell verschieden sind wie seine Fingerabdrücke. So eindeutig zuzuordnen sind Füße nicht. Aber sie bekommen durch Länge, Form und Anordnung der Zehen einen eigenen Charakter, riechen unterschiedlich gut und sehen unterschiedlich geschunden aus. Damit haben sie fast soviel zu erzählen wie die Falten, die ein Gesicht auszeichnen.

Mit diesen einleitenden Gedanken soll verständlicher werden, eine wie großartige Geste es war, als Jesus seinen Freunden selbst die Füße gewaschen hat. Das war am Vorabend seines Todes. Nur Johannes berichtet davon (Johannes 13,1-20). In dieser Geste steckt noch viel mehr als die Demut, mit der Jesus selbst sich herunterbeugt und sich den staubigen Füßen widmet. Das allein ist so groß, dass Petrus ganz verlegen wird und das Geschenk zunächst nicht annehmen möchte. Jesus muss auch gespürt haben, wie wichtig es ist, dass die Füße der Jünger sie weiter tragen können, auch wenn er nicht mehr da ist. Er hat jedem einzelnen von ihnen, auch dem Verräter, gegeben, was er selbst für seinen Weg zum Kreuz hätte brauchen können.

Ihre Pastorin Birte Wielage

Herzklopfen 

Das Herz schlägt schneller. Immer dann, wenn es aufregend wird: vor einem wichtigen Termin, vor Prüfungen, bei akuter Verliebtheit und spannenden Filmen. Heute, am Mittwoch der Karwoche, machen die biblischen Geschichten eine Pause, aber die Spannung steigt. Vor der Dramatik der Ereignisse am Gründonnerstag und, mehr noch, am Karfreitag steigt die Pulsfrequenz in den Berichten.

Kaum zu glauben, dass Jesus alles, was ihm angetan wurde, ruhig und gelassen hingenommen hat. Nur seine verzweifelten Gebete lassen uns etwas von seiner Angst spüren. Im Garten Gethsemane wird er bitten: „Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir“ – und ergänzen: „doch nicht, was ich will, sondern was du willst“. (Markus 14,36)

Sogar in größter Not verlässt er sich weiter auf den Willen, Plan und Beistand seines Vaters im Himmel. Mit klopfendem Herzen spürt er in all seinem Leid dessen Liebe.

Es gibt unendlich viele Liebeslieder. Sie handeln von menschlicher Liebe. Manchmal stelle ich mir vor, dass das Ich und das Du in diesen Liedern der Mensch und Gott sind. Das funktioniert manchmal überraschend gut. Dann stelle ich mir vor, dass es um Gott und mich geht – eine wunderbar tröstliche Übung.

Es gibt auch viele Liebeslieder, die von Gott handeln. Manche beschwören geradezu, wie sehr wir Gott lieben sollen. Mir gefallen die viel besser, die davon singen, wie sehr Gott seine Menschen liebt. Das ist dann tröstlich, ohne dass ich erst um zwei Ecken denken muss. Eins davon geht so, es heißt „Von der Zärtlichkeit Gottes“:

  1. Behutsam will ich dir begegnen, / dir zeigen, du bist nicht allein; / der Engel Gottes wird uns segnen, / als Licht an unsrer Seite sein.
  2. Mit Sanftmut will ich dich berühren, / dich stärken aus der großen Kraft; / wir werden Gottes Güte spüren, / die Leben und Vergebung schafft.
  3. Mit Liebe will ich dich umhüllen, / dich streicheln voller Zärtlichkeit; / und Gottes Geist wird uns erfüllen, / hier, heute und für alle Zeit.

Stellen Sie sich mal vor, Gott sagt den jeweils ersten Teil genau zu Ihnen. Lassen Sie sich vom zuversichtlichen zweiten Teil „hier, heute und für alle Zeit“ Mut machen.

Fühlen Sie sich in dieser berührungsarmen Zeit von Gott gestreichelt. Er kann uns trotz Kontaktverbot berühren. Das prickelt dann nicht auf der Haut, sondern von innen.

Ihre Pastorin Birte Wielage

Text des Liedes: Eckart Bücken © tvd-Verlag, Düsseldorf

Jubel

Manchmal frage ich mich, ob es das Wesen von jungen Fußballern verändert, wenn im Stadion tausende von Menschen ihren Namen rufen und ihnen zujubeln. Wird man davon nicht größenwahnsinnig? Oder sorgt das einfach für einen Adrenalinkick? Ist das so eine Art legales Doping mit Fangesängen als erlaubter Substanz? Es wäre interessant zu wissen, ob die fußballerische Leistung in leeren Stadien die gleiche ist. Jedenfalls habe ich Respekt vor allen Fußballprofis, die trotz des Wirbels um ihre Person auf dem Teppich bleiben.

Nicht Teppiche, sondern Klamotten wurden vor Jesus ausgebreitet, als er reitend in Jerusalem ankam. Seine Füße schwebten höchstens ein kleines Stück über dem Boden, weil der Esel ja noch ein Fohlen war. „Hosianna“ ruft die Menschenmenge ihm zu. Dieses Wort kommt – jedenfalls in der Lutherbibel – nur in den Berichten der Evangelien über dieses Ereignis vor. Es ist also ein sehr besonderes Ereignis. „Gelobt sei, der da kommt in den Namen des Herrn!“ (Markus 11,9) Jesu Name wurde womöglich nicht gerufen. Aber der Eindruck von vielen Menschen, die sich ihre Kleider vom Leib reißen, Blätter von den Bäumen rupfen, um damit zu wedeln und die laut jubeln, muss ziemlich überwältigend gewesen sein. Ob der Jubel in Jesus wohl nachgehallt ist? Oder hat schon seine Seele geweint, weil er wusste, dass sein Weg ans Kreuz nicht aufzuhalten ist?

In der gleichen Stadt wird wenige Tage später aus dem Jubel die Forderung, diesen Mann zu töten. Nicht einmal die Wahl der einen Begnadigung kann Jesus für sich entscheiden. Die Menge zieht den Mörder vor. Darin ist sie gnadenlos. Ob wohl die gleichen Individuen erst gejubelt und dann die Todesstrafe gefordert haben? Einzelne und ihre Meinungen sind in einer großen Menge nur noch schwer zu erkennen.

Wieviel menschliche Größe gehört dazu, Jubel nicht auf sich zu beziehen, sondern von Anfang an zu wissen, wie schnell die Stimmung sich in das Gegenteil verkehren kann? Wahrscheinlich verändert offener Hass das Wesen eines Menschen mehr als jeder Jubel es könnte. Jubel hat das Potential in sich, aufzurichten und lässt Menschen über sich hinauswachsen. Hass ist immer zerstörerisch.

Darum ziehe ich die Maxime von August Pullmann vor, der zehnjährigen Hauptfigur im großartigen Jugendbuch „Wunder“ der Schriftstellerin Raquel J. Palacio: „Jeder Mensch auf der Welt sollte zumindest ein Mal Standing Ovations bekommen, denn wir alle überwinden die Welt.“

Ihre Pastorin Birte Wielage

Das Zitat ist der Schlusssatz aus: Raquel J. Palacio: Wunder. 7. Auflage 2016. Verlag dtv, Seite 444 – äußerst lesenswert, ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und verfilmt mit Julia Roberts in der Rolle als Auggies Mutter.

Freunde 

Wie wichtig Freundschaften sind, zeigt sich in diesen Tagen ganz besonders. Freundinnen erzählen einander, was gerade alles nervt, und schon nervt es weniger. Geht ja allen so. Nähanleitungen für Gesichtsmasken und Rezeptideen werden ausgetauscht. Das Gespräch mit dem Freund aus früheren Tagen ist so schön, dass beide jetzt öfter telefonieren.

Menschen, zwischen denen die Nähe nicht so groß ist wie unter Freunden, werden auch als „Weggefährten“ bezeichnet. Damit kommt eine Distanz zum Ausdruck, als würden sie nur für kurze Zeit neben einem gehen. Ich persönlich finde, dass dieses Wort genauer ist und Freunde auszeichnet. Denn sie sind die Menschen, die jeden Weg mitgehen und nicht bei den Haken, die das Leben schlägt, hinter der nächsten Kurve verschwinden. Darum zeigt sich in schweren Zeiten, wer wirklich zu einem hält. Es ist bitter, wenn Freunde sich gerade dann nicht mehr melden. Es macht froh, wenn andere, weniger nah geglaubte Menschen dann plötzlich da sind und gute Worte finden. Sie haben besser verstanden, was Freundschaft bedeutet.

Auch Jesus ist in den letzten Tagen seines Lebens nicht allein. Seine Jünger sind bei ihm, als er auf einem kleinen Esel in Jerusalem ankommt und erleben die folgenden Tage mit. Auch Jesus macht die bittere Erfahrung, dass Freunde sich abwenden. Judas wird ihn verraten, andere werden weglaufen, Petrus wird ihn verleugnen. Ein treuer Freund zu sein war noch nie einfach.

Selten gefallen mir Sprüche auf Postkarten – es sei denn, sie sind einfach nur saukomisch. Alles andere empfinde ich meistens als kitschig oder belehrend. Beim Thema Freundschaft ist das anders. Überraschenderweise lesen sich viele wie Tipps für gute Freundschaft:

Ein Freund ist einer, der dich mag, obwohl er dich kennt.

Ein Freund ist ein Mensch, vor dem man laut denken kann.

Ein Freund ist jemand, der dein Lächeln sieht, aber spürt, dass deine Seele weint.

Ein wahrer Freund ist einer, der kommt, wenn alle anderen gehen.

Oder noch etwas anders: „Ein Freund steht allezeit zu dir, auch in Notzeiten hilft er dir wie ein Bruder.“ (Sprüche 17,17, Gute Nachricht Bibel)

Ich wünschen Ihnen, dass Sie mindestens einen Menschen kennen, dem Sie als Dank für seine Freundschaft eine solche Postkarte schicken könnten.

Ihre Pastorin Birte Wielage

Die Predigt von Pastorin Birte Wielage dreht sich heute um den Bibeltext von Palmsonntag, Markusevangelium 14, 3-9. Dabei wird sie unterstützt von Felix, einem kleinen Esel.

Predigt zum Palmsonntag am 05. April 2020

 

Auch heute gibt es neue Geschichten von Michael, Melanie und Malte von Pastor Reiner Backenköhler. Jesus zieht in Jerusalem ein und Michael, Melanie und Malte fragen sich, was es heißt, 'cool' zu sein.

Geschichten zum Palsmsonntag für Kinder am 05. April 2020

 

 

Einsamkeit und Gemeinschaft 

„Zusammen ist man weniger allein.“ Haha. Wer niemanden hat, kann das wahrscheinlich gar nicht lustig finden. Wer unfreiwillig alleine lebt, wer keine Familie (mehr)  hat oder keinen Kontakt zu ihr, wem Freundschaften fehlen, ist allein. Dann gibt es kein „Zusammen“. Wahrscheinlich ist das Empfinden, ab wann jemand sich dann auch einsam fühlt, sehr individuell.

Dabei ist zu unterscheiden zwischen Alleinsein und Einsamkeit. Alleinsein ist ein Zustand. Einsamkeit ist ein Gefühl. Das Alleinsein kann gestaltet und ausgefüllt und bei Kontaktfreudigkeit auch geändert werden. Einsamkeit ist einfach da. Sie übermannt oder überrumpelt einen, manchmal sogar in ganz unerwarteten Situationen. Manchmal kommt sie nur kurz zu Besuch. Bei anderen lässt sie sich gar nicht wieder wegschicken, sondern wird zur Dauermieterin oder besetzt einfach das Haus der Seele.

Als Seel-Sorger*innen fragen wir Pastorinnen und Pastoren uns natürlich, wen Corona gerade alles einsam macht. Wie sehr leiden Menschen, die allein leben, unter den Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen? Wie viele Männer und Frauen mit Familie merken gerade, dass sie in ihrer Partnerschaft eigentlich schon länger einsam sind?

Ich fange an zu verstehen, dass die Gleichsetzung von Verzicht auf Geselligkeit und Kontakt mit Einsamkeit eine Verwechslung ist. Der Verzicht bedeutet Alleinsein. Das ist zu bedauern und macht in vielen Situationen auch traurig. Aber diese Zeit kann mit anderen Möglichkeiten überbrückt werden: telefonieren, lange Briefe oder kurze Postkarten schreiben, zu Ostern Päckchen verschicken, oder mit Einsatz von Technik Nachrichten schreiben, Videos schicken und mit den entsprechenden Anbietern Videokonferenzen und Bildtelefonie nutzen. Das alles erhält die Gemeinschaft, die schon immer da war. Ich glaube, dass gerade sogar Kontakte vertieft und Freundschaften neu gepflegt werden – weil Zeit dafür ist. Und weil uns die Vielfalt der Möglichkeiten durch die Umstände neu bewusst wird. Zuneigung braucht Nähe, aber sie wird durch Abstand nicht weniger.

Es gibt noch eine Möglichkeit: beten. Wer wie der Psalmbeter Gott bittet: „Wende dich zu mir und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und elend“ (Psalm 25,16) – dem sei gesagt: „Wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan“ (Matthäus 7,8). Gott, der Vater, Mutter und Tröster ist, hat offene Ohren und ein weites Herz. Er ist ein Gegenüber und steht uns zur Seite. Auch beten ist mindestens einen Versuch wert. Der Kontakt ist unbeschränkt.

Ihre Pastorin Birte Wielage

Freitag, 3. April 2020

Angst und Mut 

Neulich hat mir jemand begeistert vorgeschlagen: „Du könntest doch auch schreiben, wie aus Angst Mut wird!“ Oh, super Idee, dachte ich, und habe nachgedacht. Leider bin ich zu dem Ergebnis gekommen: Das weiß ich nicht.

Wovon ich aber überzeugt bin, ist dies: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2. Timotheus 1,7) – ein Satz, der gerade vielen Menschen Mut macht.

Dabei ist Angst ja gar nicht per se etwas Schlechtes. Angst lässt uns Gefahr wittern. Sie sorgt dafür, dass wir in bedrohlichen Situationen körperliche Signale aussenden, die andere zum Helfen animieren – am leichtesten erkennbar in der Mimik. Angst schützt auch vor Leichtsinn.

Genau diese Beobachtung hat zu Beginn der Coronakrise zu Rätselraten geführt. Wie kann es sein, dass sich die einen Menschen noch vor allen Ausgangsbeschränkungen kaum noch aus dem Haus trauen, während sich die anderen trotz aller Warnungen vor Ansteckung noch verhalten als wäre nichts passiert? Das liegt wohl daran, dass die Gefahr zunächst noch wenig sichtbar war: weit weg, undramatisch, kaum jemand kannte Infizierte persönlich. Das hat sich langsam geändert. Die unterschiedlichen Reaktionen liegen natürlich auch daran, dass wir (fünf Euro ins Phrasenschwein) alle verschieden sind.

Im Augenblick dürfte Existenzangst für viele Menschen realer sein als Todesangst. So etwas wie gesellschaftliche oder kollektive Todesangst führt – mit dem Geist der Besonnenheit – zu  den sinnvollen Schutzmaßnahmen, durch die möglichst wenige Individuen der einzelnen Staaten und letztlich der großen Weltgemeinschaft krank werden und sterben sollen.

An einer Angststörung erkrankt zu sein, muss sehr leidvoll sein. Körper und Geist reagieren rational betrachtet übertrieben, weil es die empfundene Bedrohung gar nicht gibt. Besonders bei sozialen Phobien kann das die Teilnahme am sozialen Leben unmöglich machen.

Es wäre so schön, wenn sich „Störung“ in diesem Wort nicht auf den erkrankten Menschen bezöge, sondern auf die Angst selbst. Mit dieser neuartigen Angststörung würde die Angst aufgestört, an ihrem zerstörerischen Wirken gehindert und verjagt.

Solche Art „Angststörer“ in unserem Alltag können sein: Tröstende Worte. Das Lämpchen im Kinderzimmer. Menschen, die wichtiger sind als alles Geld der Welt. Der alte Teddybär. Fenchelhonig, der nach früher schmeckt. Hausaufgabe: Finden Sie mit dem Geist der Liebe Ihre eigenen fünf Angststörer.

Vielleicht haben Sie dann auch noch eine Idee, wie aus Angst Mut wird? Anregungen nehme ich gerne entgegen unter [meinVorname].[meinNachname]@kirche-oldenburg.de

Furchtlos grüßt Ihre Pastorin Birte Wielage